Interview: „Den persönlichen Weg in der Krebstherapie finden“

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Die Diagnose Krebs ist ein großer Schock. Doch anstatt alleine auf die Schulmedizin zu vertrauen, suchen immer mehr Patienten Hilfe in ergänzenden (komplementären) Verfahren. Umfragen zeigen, dass 60 bis 80 Prozent der Betroffenen zusätzlich zur Behandlung den Einsatz naturheilkundlicher Therapien wünschen. Dr. Olaf Bausemer hat 25 Jahre Erfahrung in der Behandlung von Tumorpatienten mit komplementären Therapien. In seinem Buch „Mut zum Leben mit Krebs“ (Edition Forsbach, 2018, ISBN 978-3959040549) ermutigt er Betroffene, ihren ganz persönlichen Weg zu gehen.

 

Der Titel Ihres Buches lautet „Mut zum Leben mit Krebs“. Wie wollen Sie Betroffenen Mut machen?

Krebs ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema. Dennoch gehört die Erkrankung zu unserem Alltag. Fast jeder kennt jemanden in seinem Umfeld, der betroffen ist. Mein Buch soll Betroffene und ihre Angehörigen informieren, welche Verfahren ihnen zugutekommen können und Strategien aufzeigen, den eigenen Weg bei der Bewältigung der Krankheit zu finden. Es bietet eine Orientierungshilfe, die wissenschaftlich fundiert ist. Es informiert, räumt zugleich auch mit Vorurteilen gegen die sanfte Medizin auf. Vor allem aber ermutigt es Betroffene, ihren ganz persönlichen Weg zu gehen.

 

Krebstherapien erfolgen immer gezielter und die Heilungsraten steigen. Was kann die Komplementärmedizin, was die Schulmedizin nicht kann?

Nach meiner 25-jährigen Praxistätigkeit komme ich zu dem Resultat: Im Kampf gegen den Krebs gibt es keinen „Königsweg“ – es kommt vielmehr auf eine sinnvolle Kombination aus Schul- und Komplementärmedizin an. Unser Ziel ist nicht eine alternative Behandlung mit vielleicht fragwürdigen Methoden anstelle der klassischen Therapien – sondern vielmehr die komplementäre, also eine ergänzende Behandlung. Wir versuchen aus beiden medizinischen Lagern, also der Schulmedizin und der Komplementärmedizin, das Beste für den Patienten zusammenzuführen – von Chemotherapie und Bestrahlung über Hyperthermie bis zur Immunstimulation. Denn es geht nicht nur darum, die Überlebenszeit zu verlängern, sondern das Leben für die Patienten lebenswerter zu machen.

 

Können Sie ein Beispiel für ein erfolgreiches Miteinander nennen?

Nehmen wir das Beispiel eines Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs. Eine Tumorerkrankung mit einer recht schlechten Prognose. Oftmals nicht operabel, sondern von schulmedizinischer Seite nur mit Chemotherapie zu behandeln. Ergänzt man nun die schulmedizinische Therapie mit Naturheilverfahren und einer gezielten Wärmetherapie im Bereich der Bauchspeicheldrüse, verbessert sich laut Studienlage die Überlebenszeit zwischen 25-30 Prozent. Das ist in der Krebsmedizin sehr viel! Der Grund dafür: Durch ergänzende Naturheilverfahren sind wir in der Lage, die Nebenwirkungen der Chemotherapie – wie entzündete Mundschleimhäute, Durchfälle, Übelkeit und starker Abfall der Blutbilder – zu mildern. Dies führt zu weniger Therapieunterbrechungen und der Patient kann die Chemotherapiezyklen im Idealfall lückenlos durchführen, was zu verbesserten Therapieergebnissen führt. Die Hinzunahme der Hyperthermie bewirkt darüber hinaus, dass die Tumorzellen für die Chemosubstanzen sensibilisiert werden. Die Durchblutungssituation verändert sich und die Chemotherapie kann größere Areale des Tumors erreichen. Alles in allem zeigt eine Kombination von schulmedizinischen und komplementären Therapieverfahren, dass einerseits das Gesamtüberleben der Patienten verbessert und andererseits die Lebensqualität der Patienten erheblich gesteigert wird.

 

Was sind für Sie Ihre wichtigsten Bausteine der komplementären Onkologie?

Wir verfolgen eine ganzheitliche Therapie in der Behandlung von Tumorpatienten. Wir begleiten die in der Schulmedizin etablierten Verfahren mit komplementären Verfahren wie Immundiagnostik, Immuntherapie, Mineralstoffanalyse, Nachweis von zirkulierenden Tumorzellen, Lokale Hyperthermie, Fiebertherapie, Infusionstherapien, Enzymtherapie, Eigenblut-Ozon-Therapie, Phytotherapie und Tumorimpfung. Diese Behandlungen verstärken sich gegenseitig und unterstützen die schulmedizinischen Therapien. Die Erkrankung ist das eine Feld, auf dem wir tätig sind. Das andere ist die seelische Situation, in die sich Patienten mit einer Tumordiagnose und ihre Angehörigen versetzt fühlen. Wir tun alles gegen dieses Gefühl, allein gelassen zu sein. Gegen die Unsicherheit, wie der weitere Verlauf ihrer Krankheit aussehen wird, gegen die Angst vor weiterführenden Therapieschritten. Wir nehmen den Patienten die Angst, wir zeigen ihnen und ihren Angehörigen die besten Lösungswege und unterstützen sie bei den anstehenden Entscheidungen. Ich sehe dies als besonders wichtig an in einer Zeit, in der Zeitnot, Unpersönlichkeit und Standardisierung im Gesundheitswesen immer breiteren Raum einnimmt.

 

Stress wird als Krebsursache kontrovers diskutiert. Welche Rolle spielt die Seele bei der Entstehung und dem Fortschreiten von Krebs?

Ich kann sagen, dass negative seelische Zustände wie Einsamkeit, Depressionen, Ängste oder Trauer dem Immunsystem grundsätzlich schaden. Dagegen wird die Abwehrkraft gestärkt durch Liebe, Lebensfreude, Zufriedenheit, Hoffnung und Frohsinn. Zur Zufriedenheit und der Lebensfreude gehört auch, dass die Patienten sich zweier Worte wieder bewusst werden: „Ich“ und „Nein“. Tumorpatienten haben es meist verlernt, sich selbst in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen. Außerdem haben sie sich daran gewöhnt, zu allem, was um sie herum geschieht, „Ja und Amen“ zu sagen. Aber sie müssen unbedingt auch mal „Nein“ sagen, wenn es ihnen wieder bessergehen soll. Sie dürfen nicht immer nur ihre Ängste und Sorgen hinunterschlucken. Das ist umso wichtiger, wenn man weiß, dass chronischer Stress, der durch Ängste, Kummer oder andere seelische Belastungen hervorgerufen wird, im ganzen Organismus Entzündungsvorgänge bewirkt, die eine bedeutende Rolle bei der Entstehung chronischer Krankheiten wie Krebs spielen.

 

Was können Krebspatienten sonst noch tun, um ihre Lebensqualität zu verbessern?

Eine der erstaunlichsten Therapien ist für mich das „Bad im Wald“. Das Eintauchen in das beruhigende Grün des Waldes zeigt nicht nur durch das Abschalten vom Alltag positive gesundheitliche Wirkungen. Die von Bäumen ausgeschiedenen Stoffe, die der Mensch über die Atmung und über die Haut aufnimmt, sind nachweislich in der Lage, die Killerzellen des Immunsystems zu erhöhter Tätigkeit anzuregen. Eine moderate Bewegungstherapie und Entspannungstechniken stärken die Immunabwehr und die Widerstandskraft gegen Stress. Sie helfen bei Ängsten und lassen die Patienten besser schlafen. Es ist vor allem das Bewusstsein, selbst und aktiv an der eigenen Genesung mitzuwirken, was unsere Patienten zur sportlichen Aktivität antreibt. Dabei soll der Schwerpunkt nie auf Höchstleistung, sondern vielmehr auf der Freude an der Bewegung ruhen. Ich empfehle meinen Patienten, möglichst erst sechs Wochen nach einer Operation und nur mit Zustimmung des behandelnden Arztes ihre Bewegungstherapie aufzunehmen. Am Anfang sollten Spaziergänge oder kleine Radtouren, ein gemütliches Schwimmprogramm oder kurze Walkingstrecken stehen.