Medical Mirror

Die innere Kraftquelle Atem entdecken

Der bewusste Umgang mit dem Atem kann die psychische und körperliche Gesundheit förden und viele Beschwerden lindern.

Sind wir erstaunt oder verärgert, „halten wir die Luft an“. Andere Erlebnisse finden wir einfach „atemberaubend“. Diese Redensarten verdeutlichen nur zu gut, wie Gefühle unseren Atemrhythmus beeinflussen. Auch auf unseren körperlichen Zustand reagiert unser Atem. Das können Sie ganz einfach selbst testen: Ballen Sie einmal die Hand zur Faust. Wetten, dass der Atem dabei unbewusst ins Stocken gerät?

Im Alltag wird der Atem oft vernachlässigt

Die Wechselbeziehungen zwischen Körper, Geist und Seele und unserem Atem sind nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem schenken wir unserem Atem im Alltag zu wenig Aufmerksamkeit. „Durch Stress, negatives Denken und eine schlechte Körperhaltung werden wir oft regelrecht ‚atemlos‘“, erklärt die Bremer Atempädagogin Sanatha Hannig, die in ihrer Praxis Atemtherapie nach Prof. Ilse Middendorf anbietet und dabei auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz an Therapien und Heilmethoden zurückgreift. Ilse Middendorf prägte den Begriff „der erfahrbare Atem“, das heißt: Das Atmen soll bewusst erfahren werden, aber ohne dass er vom Willen oder Denken gesteuert wird. „Ich lasse meinen Atem kommen, ich lasse ihn gehen und warte, bis er von selber wieder kommt“, lautet der Grundsatz.

Es gibt kein „richtig“ und kein „falsch“

Da der Atem so individuell ist wie jeder Mensch, gibt es auch kein „richtig“ und kein „falsch“. Sanatha Hannig: „Bei der Atemtherapie geht es vielmehr darum, den persönlichen Atem im Ein- und Ausatmen oder der Atempause zu unterstützen. Diese drei Phasen sollten in der Balance sein. Ist dies nicht der Fall, können Störungen und in der Folge Krankheiten auftreten.“ Damit es erst gar nicht soweit kommt, ist es wichtig, den eigenen Atem erst einmal kennenzulernen und ein Empfindungsbewusstsein zu entwickeln. „Je mehr ich mich empfinde, desto stärker wird mein Atem“, ist die Atempädagogin überzeugt. Dies komme auch der Persönlichkeitsentwicklung zugute.

Zahlreiche gesundheitliche Wirkungen

Auch der psychischen und körperlichen Gesundheit kommt der bewusste Umgang mit dem Atem zugute: Indem sie „mit sich selbst in Kontakt kommen“, entdecken viele Menschen ihre Vitalität und Lebensfreude (wieder), sind entspannter und reagieren gelassener auf Stress. Die Atemtherapie kann wie eine innere Massage die Zellen anstoßen und so die Durchblutung verbessern, Verspannungen lösen und die Organe anregen. Dadurch kann sie zahleichen Beschwerden vorbeugen und den Heilungsprozess einer bestehenden Erkrankung fördern. So hat die Atemtherapie inzwischen einen festen Platz in der Rehabilitation nach Operationen oder als Unterstützung bei Atemwegserkrankungen, wie Asthma oder chronischer Bronchitis. Auch bei Kopf-, Gelenk- oder Rückenschmerzen hat sich eine Behandlung bewährt, ebenso wie bei Herz-/Kreislaufstörungen, Haltungsfehlern, Ängsten, Stress, depressiven Verstimmungen, Schlafproblemen. Auch als Ergänzung zur Atemarbeit in der Geburtsvorbereitung kann sie hilfreich sein.

Direkter nonverbaler Dialog

Um den eigenen Atem besser kennenzulernen und wahrzunehmen, rät Sanatha Hannig ihren Klienten, zunächst die Hände auf den Bauch zu legen. Erst dann erspürt die Atempädagogin mit den Händen, wie sie den Atem – etwa durch streichende Massagen, Schüttelungen oder Druckpunkte –unterstützen kann.

Obwohl der Klient bei der Einzeltherapie zumeist auf einer Liege liegt, handelt es sich um keine passive Behandlung. Vielmehr entwickelt sich zwischen dem Atem und den Händen des Therapeuten ein „direktes nonverbales Gespräch“. Dagegen steht in der Gruppenbehandlung das eigenständige Üben im Vordergrund. Hierbei kommen zumeist Bewegungen, wie Dehnübungen oder Armschwingungen zum Einsatz, die das Zwerchfell stimulieren und helfen, den Atem im ganzen Körper zu erleben.

Therapiedauer ist individuell

Die Dauer einer Therapie hängt vom Einzelfall ab. Bei manchen Patienten genügen zehn Stunden, während andere über Jahre atemtherapeutisch begleitet werden. Sanatha Hannig: „Viele Menschen interessieren sich auch für eine Atemtherapie, weil sie bewusst etwas für sich tun möchten.“

Wichtig zu wissen Die Kosten für eine Atemtherapie werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Pro Stunde muss man mit etwa 70 Euro rechnen. Viele Atemtherapeuten und -pädagogen bieten zum Kennenlernen auch Schnupperstunden, Atemtage, Wochenseminare oder Volkshochschulkurse an.

Info: Die bedeutenden Atemschulen haben sich in der Arbeits- und Forschungsgemeinschaft für Atempädagogik/Atemtherapie e.V. (AFA) zusammengeschlossen: Geschäftsstelle, Möckernstraße 67, 10965 Berlin, Tel.: 030/395 38 60. Auf der Webseite www.afa-atem.de ist auch eine Therapeutenliste abrufbar.

Atem-Übungen für den Alltag

Oft sind es ganz einfache Übungen, mit denen sich eine große Wirkung erzielen lässt – auch wenn diese auf den ersten Blick gar nichts mit der At-mung zu tun haben. Hier einige Übungen der Bremer Atemtherapeutin Sanatha Hannig, die Sie auch unterwegs oder im Büro leicht nachmachen können:
1.         Mobilisiert das Zwerchfell und lenkt das Bewusstsein auf die Atmung: Legen Sie Daumen und Zeigefinger seitlich auf die Hüftknochen. Nun in „sägenden“ Bewegungen von den Hüften beginnend aufwärts in Richtung Rippen bis zu den Achseln mehrmals über Ihre Flanken reiben. Auch gut: Streichen Sie mit den flachen Händen über Bauch, Flanken und Rücken.
2.         Hilft bei Aufregung und Stress: Hinstellen oder aufrecht hinsetzen, Füße sind etwa hüftbreit auseinander. Legen Sie nun Ihre Handinnenflächen auf Ihre Körpermitte (unterhalb des Brustbeins, oberhalb des Bauchnabels). Sammeln Sie sich, indem Sie den Atem kommen und gehen lassen. Spüren Sie, wie Sie nach und nach ruhiger werden. Diese Übung stärkt auch die innere Mitte.
3.         Wirkt ausgleichend bei sitzenden Tätigkeiten: Stellen Sie sich hin (Füße wieder hüftbreit auseinander). Legen Sie die Handinnenflächen auf den Rücken im Bereich des Kreuzbeins. Nun Hände und Arme über den Po und die Hinterseite der Oberschenkel bis zu den Kniekehlen führen. Dabei in die Knie gehen und die Hände in schwungvollen Bewegungen nach vorne führen.
Vertreibt Müdigkeit und Erschöpfung, löst Anspannungen: Stellen Sie sich hin. Nun mit den Fäusten oder flachen Händen den Bereich um das Kreuzbein abklopfen. Mehrmals wiederholen.